Wenn nichts genau zu sagen war in der Veranstaltung des Kreistages in Alsfeld, aber dass alles in den nächsten Jahren in der alltäglichen Versorgung der Vogelsbergbürger anders wird, ist als sicher anzusehen. Zunächst werden sich im ambulanten Bereich die schwierige Besetzung von hausärztlichen Sitzen bemerkbar machen. Es ist für die jungen Nachwuchsmediziner, von denen über die Hälfte Frauen sind, einfach nicht mehr denkbar, überlange Einsatztage zu fahren und dabei Familieninteressen und eigenes Wohlbefinden auf das Spiel zu setzen. Finanziell ist es ebenfalls lange nicht mehr interessant, möglichst viele Patienten zu versorgen, da die erarbeiteten Honorare einfach aus politischen Gründen mit einer Obergrenze versehen werden und somit Leistungen trotz ihrer Erbringung nicht mehr bezahlt werden. So was gibt es sonst nirgendwo in der Welt. Es fallen also auch die eifrigen, zu Mehrarbeit tendierenden Singles aus, die Praxen zu übernehmen. Übrig bleiben die Jungmediziner, die nur dem Idealbild des dienenden Weisskittels verfallen sind und meinen, der Lohn komme irgendwie doch, wenn auch nicht mehr in diesem Leben.
Alle Anderen überlegen es sich, wohin sie gehen. Es steht das Ausland zur Verfügung, Schweiz, Schweden, Norwegen, Holland, und Frankreich. Überall schätzt man die gut ausgebildeten Jungmediziner aus Deutschland, die von den deutschen Steuerzahlern letztendlich subventioniert wurden und nun abwandern werden. Dort gibt es keine politische geförderte Hatz auf den Ärztestand, man respektiert die Leistung, bezahlt sie ordentlich, wenn auch normal, läßt sie aber auch ihre Freizeit leben und akzeptiert Familienfreundlichkeit in den Arbeitszeiten. Weiterbildung wird vom Arbeitgeber bezahlt, was in Deutschland eher selten ist. Und Weiterbildung ist sehr teuer, da kommen schnell 5000.-€ im Jahr zusammen.Wer abwandert, kommt selten zurück, das zeigt die Erfahrung der letzten 10 Jahre. Somit sind die 20 % der fertigen Ärzte verloren, die ins Ausland gehen.
Unter dem Mangel werden auch die Krankenhäuser leiden. Dort herrscht ein hierarchisch gegliedertes System, das der persönlichen Berufsentfaltung der fertigen Fachärzte kaum Raum läßt. Ausnahmen gibt es da auch, diese Häuser haben auch keine Nachwuchsprobleme. Die Weiterbildung der Assistenzärzte wird in Deutschland nicht standardisiert geregelt, nur die Ziele sind festgelegt. Und da hapert es dann an guten Ausbildungsstätten, d.h. Chefs, die es zur eigenen Sache machen, die jungen Leute systematisch und vollständig in angemessener Zeit auszubilden. Oft kommt z.B. ein chirurgischer Assistent erst im vierten Jahr zum assistierten Operieren. Das ist ein Zeitpunkt, wo man in Schweden schon alleine leichtere Dinge operieren kann. Hier verschleißt man die Jungmediziner im Stationsdienst, Briefe zu diktieren, Formulare für Reha und Krankenkasse auszufüllen und Diagnosen zu kodieren, damit der Krankenhausträger sein Geld bekommt, das ihm zusteht. Anderen Orts machen das Stationssekretärinnen oder Kodierer. – Hier gibt es noch viel zu ändern. Die Zeit läuft den Krankenhausträgern aber davon. Die Abwanderung ist im vollen Gange, und wer sich dazu entschließt, sind die guten, die mutigen, die fleißigen, die jungen Menschen mit hoher Studiumsqualifikation.
Unser Vogelsbergkreis ist ja von der Struktur her so ländlich, dass da auch nicht alle Menschen wohnen wollen, wir wissen alle um die Entleerung unserer Dörfer und Kleinstädte. Da wird auch kein sogen. Masterplan eines Ex-Alsfelder Rechtsanwaltes, Herrn Schade, etwas daran ändern, dass es einfach nicht genug Jungmediziner mehr geben wird, um die dichte, ortsnahe Versorgung im haus- und fachärztlichen Bereich zu gewährleisten.
Es kann also durchaus sein, dass ein Akutfall von Giessen, Fulda, Hersfeld oder Marburg aus behandelt werden muss. Ob die Zeit dann immer reicht, um alles zurecht zu biegen, mag mal mit einem Fragezeichen versehen sein. Geplante Medizinversorgung wird ohnehin in den Ballungsräumen erfolgen, da werden wir hinfahren müssen oder hingefahren werden. Das ist so gut wie sicher.
Können wir das als Bürger stoppen? Ich denke NEIN! Enscheidend sind die in den letzten 10 Jahren geschaffenen gesundheitspolitischen Strukturänderungen, die uns die Karre in den Dreck gefahren haben. Und der Karren ist verloren im mit Bürokratie überfrachteten Schlamm. Wer politisch darstellt, Allen Alles geben zu können, weiß, dass er Allen nur ganz wenig geben werden wird. Dieses Wenige wird uns dann bleiben.
Wer glaubt, dass das Schwarzmalerei ist, der kennt die Strategie der Gesundheitspolitik nicht: dort ist klar, dass immer weniger Geld für immer mehr Leistungsanforderer (sprich “Patienten”) übrig sein wird. Dieser Mangel wird halt teuer verwaltet, verschärft sich dadurch aber noch.