Wohnen im Alter – Neue Chancen
Michael Duschka vom Arbeitskreis Neues Wohnen des Bürgernetzwerks Vogelsbergkreis 2020 berichtet von der Veranstaltung der Hessischen Fachstelle für Wohnberatung HFW über „Wohnen im Alter – Neue Chancen für Kommunen“:
Die Gruppe der „jungen Alten“ wird bis zum Jahr 2030 um rund fünf Millionen Menschen ansteigen. Die Zahl der Hochaltrigen wird von heute drei Millionen auf fast acht Millionen im Jahr 2050 anwachsen.
Der demografische Wandel führt zu einem Personalmangel bei Pflegekräften. Im Jahr 2025 werden rund 152.000 Beschäftigte in Pflegeberufen fehlen, um die dann zu erwartende Zahl an Krankenhauspatienten und Pflegebedürftigen versorgen zu können.
Um die soziale Betreuung und Pflege älterer Menschen in Zukunft leistbar und finanzierbar zu erhalten, muss die Unterstützung weiter in die Wohnquartiere d.h. in überschaubare Wohnumgebungen verlegt werden. Denn dort, wo Alt und Jung zusammenleben, lässt sich gegenseitige Hilfe in Balance von Selbsthilfe und professionellen Angeboten organisieren.
Die Mehrzahl der älteren Mitbürger (93 %) möchten möglichst lange selbstbestimmt in ihren eigenen Wohnungen oder Häuser leben. Nur 1 % der Bundesdeutschen leben in Wohngemeinschaften, etwa 6 % in Pflegeheimen.
Voraussetzungen, um in den eigenen vier Wänden zu wohnen sind
- technische und soziale Wohnraumanpassungen. Technische Beratung und Hinweise auf Fördermöglichkeiten erfolgt im Vogelsbergkreis durch Mitarbeiter des Ortsverbandes des DRK-Lauterbach und des VdK-Lauterbach. Soziale Arbeit heißt, insbesondere Ältere aus ihrer Isolation und Einsamkeit heraus zu holen, z.B. Veranstaltungen, Fortbildung, pp.
- Gestaltung des Wohnumfeldes durch die Kommunen, z.B. Handläufe, Treffpunkte, begehbares Kopfsteinpflaster, Beleuchtung, Ruhebänke auch in der Nähe von Geschäften,
- Wohnbegleitende Dienste.
Nachbarschaftshilfen wie Seniorenhilfe Maar – für Lauterbach und seine Stadtteile, Bürgerhilfe Angersbach Aktiv, Seniorenbeiräte, pp. werden zunehmend in Anspruch genommen. Im privaten Bereich steigen organisierte Hilfen zurzeit überproportional.
Zukünftig wird in Wohnquartieren die dezentrale pflegerische Versorgung eine größere
Rolle spielen. Zur bedarfsgerechten Versorgung müssen ambulante Pflege, betreute Pflegewohngruppen, aber auch stationäre Einrichtungen wohnortnah organisiert sein und stärker zusammenarbeiten. Dieser Veränderungsprozess gelingt nur dort, wo er nicht durch Maßnahmen wie den Neubau großer mit dem Sozialraum unvernetzter Pflegeeinrichtungen durchkreuzt wird. Stationäre Einrichtungen dürfen nicht allein für sich stehen:
Dazu aus dem Positionspapier SONG des Netzwerks „SOziales Neu Gestalten“ :
„Der weitere, wildwüchsige Neubau isolierter Pflegeeinrichtungen muss verhindert werden. Stattdessen sind lokale, gemeinwesenorientierte Versorgungsangebote notwendig, die generationenübergreifend zu kleinräumigen Unterstützungsstrukturen führen und die Eigenverantwortung und Solidarität der Menschen vor Ort stärken …“ (Bertelsmann Stiftung)
Das bedeutet, dass stationäre Heime sich mit dem Wohnumfeld vernetzen sollten.
Dazu ergänzt Michael Duschka: „der Weg führt zukünftig eher zu „kleinteiligen Heimen“ mit Einbindung der Nachbarschaft. Quartiersbewohner und Pflegeeinrichtungen sollten sich in gemeinsamen Programmen verbinden.
Neu sind private Pflegegruppen, die sich selbst organisieren und ambulante Dienste stundenweise oder ganztags unter Vertrag nehmen. Diese Wohngemeinschaften boomen zurzeit in der Bundesrepublik“.
Kommunale Politik sollte durch die Bereitstellung von Infrastruktur, Kommunikation und Dialogplattformen die Basis und die Freiräume schaffen, damit die zivilgesellschaftlichen Akteure bedarfsgerechte Lösungen umsetzen können. Es wird empfohlen, zusammen mit den Seniorenbeiräten Gesprächsrunden zu generationenübergreifendem Wohnen und wohnortnaher Betreuung und Begleitung einzurichten.
Michael Duschka
Lauterbach, 6. Dezember 2010